Verteidigung & Souveränität

Was ist uns unsere
Sicherheit wert?

Jahrzehnte lang galt die amerikanische Sicherheitsgarantie als unverrückbar. Doch was geschieht, wenn diese Gewissheit schwindet? Ein Gedankenexperiment über Europas Weg zur strategischen Handlungsfähigkeit.

Das Gedankenexperiment beginnen
Die Ausgangslage

Die Architektur
der Abhängigkeit.

Europa verfügt über zwei Millionen aktive Soldaten. Doch ohne die entscheidenden strategischen „Enabler" – Aufklärung, Transport, integrierte Luftabwehr – bleibt diese Masse ein zahnloser Tiger.

Während wir uns auf amerikanische Satelliten, Tanker und Kommandostrukturen verlassen haben, hat sich die Welt verändert. Die USA richten ihren Blick nach Asien. Russland hat die Friedensdividende beendet. Und Europa?

343 Mrd. € EU-27 Verteidigungsausgaben 2024
Quelle: Rat der Europäischen Union, 2024
Die Fähigkeitslücken

Wo Europa verwundbar ist.

Nicht das Geld ist das Problem – sondern die Struktur. 27 Nationen betreiben 27 separate Rüstungsmärkte mit einer Vielzahl unterschiedlicher Waffensysteme. Die kritischsten Lücken:

Aufklärung (ISR)

Fehlende eigene Aufklärungssatelliten und HALE/MALE-Drohnen für unabhängige Lagebilder.

US-abhängig

Integrierte Luftabwehr

Keine durchgängige Raketenabwehr gegen ballistische Raketen und Hyperschallwaffen in der Tiefe.

Kritische Lücke

Strategischer Transport

A400M deckt 37t ab – Kampfpanzer wiegen 60t+. Strategische Verlegefähigkeit begrenzt.

Teilweise gedeckt

Munitions-Produktion

Jahrzehnte der „Friedensproduktion" – Kapazitäten für hochintensive Konflikte fehlen.

Strukturelles Defizit

„Das Problem ist nicht der Geldbeutel – sondern die Architektur der Abhängigkeit."

Der Ressourcen-Check

Das ungenutzte Potenzial.

Die aggregierten Ausgaben von EU + UK übersteigen bereits heute die Budgets von Russland und China. Das Problem ist nicht Mangel, sondern Fragmentierung.

Verteidigungsausgaben 2024/25

EUROPA IM VERGLEICH

EU-27 + UK
~500 Mrd. €
Deutschland
86,5 Mrd. €
Frankreich
~55 Mrd. €
UK
~100 Mrd. €
Russland
~107 Mrd. €
+100 Mrd. €
Potenzial bei +0,5% BIP
750+ Mrd. €
Möglich bis 2035 (3,5% Ziel)
Quellen: Rat der EU, BMVg, Gov.UK, NATO Statistics 2024
Die Beweisführung

Was Europa bereits kann.

Die Fähigkeit zur Verteidigungssouveränität ist keine Fiktion. Strategische Projekte zeigen: Europa handelt.

Eurodrone

MALE RPAS

Europas souveräne Aufklärungsfähigkeit. Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien entwickeln eine eigene MALE-Drohne – Ende der Abhängigkeit von US-/israelischer Technologie.

60
UAVs bestellt
2028
Erste Auslieferung

IRIS-T SLM

Luftverteidigung

Deutsches System, bewährt in der Ukraine. Hensoldt baut Radarkapazitäten aus – von 15 auf 30 TRML-4D Systeme pro Jahr ab 2027.

40 km
Reichweite
50+
Systeme EU (Ziel)

IRIS²

Satellitenkonstellation

Europas souveräne Kommunikations- und Aufklärungsinfrastruktur im All. Erste Dienste ab 2027 – unabhängig von US-Systemen.

10,6 Mrd. €
Budget
2027
Erste Services

Munitions-Hochlauf

Industrielle Zeitenwende

„Vom Spatenstich zur Produktion in 15 Monaten" – Rheinmetall baut neue Fabriken in Deutschland, Litauen und Rumänien. Ziel: 1,5 Mio. Schuss 155mm bis 2027.

700k
Schuss/Jahr (2025)
+114%
Steigerung (Plan)

„Vom Spatenstich bis zur Produktion in nur 15 Monaten – das ist eine echte Zeitenwende in Rheinmetall-Geschwindigkeit."

Armin Papperger, CEO Rheinmetall

Technologie und Industrie sind vorhanden. Der eigentliche Engpass ist ein anderer.

Die Bausteine

Säulen der Souveränität.

Souveränität ist kein einzelnes Waffensystem – sie ist ein Ökosystem aus Fähigkeiten, die zusammenwirken müssen. Europa muss in allen Dimensionen handlungsfähig werden:

Nuklearer Kern

FR + UK = ~515 Sprengköpfe

Luft & Abwehr

IRIS-T, Eurofighter, Rafale

Landkräfte

Leopard 2, Munition, Masse

Maritime Tiefe

U-Boote, Fregatten, Kabelschutz

Enabler

ISR, C2, Logistik

Der Zeithorizont

Drei Phasen zur
Handlungsfähigkeit.

I
0–2 Jahre • Sofortmaßnahmen

Readiness herstellen

Munitions-Hochlauf auf 2 Mio. Schuss/Jahr. Wartungszentren in Europa. Logistik-Drehscheiben modernisieren. IRIS-T Aufstockung auf 50 Systeme EU-weit.

12–18 Mrd. € Budget 30.000+ neue Soldaten
II
3–7 Jahre • Skalierung

Industrielle Transformation

Leopard 2A8 Serienproduktion (100+/Jahr). Eurodrone operativ. IRIS² erste Services. Panzerreserve auf 5.000+ Stück. Munitionsvorrat für 3+ Jahre Kampf.

50–70 Mrd. € Budget 3 Mio. Schuss/Jahr
III
8–15 Jahre • Robuste Souveränität

Strategische Autonomie

Volle ISR-Souveränität. Integrierte europäische Luftverteidigung. EU-Hauptquartier (MPCC) volloperativ. 3,5% BIP-Ziel erreicht. EU+UK können Sicherheit eigenständig garantieren.

750+ Mrd. € jährlich US-optional, nicht -abhängig
Die Abwägung

Zwei Seiten der Souveränität.

Der Weg zur strategischen Handlungsfähigkeit markiert das Ende der „Friedensdividende". Eine ehrliche Bilanz der Chancen – und der Kosten:

Chancen

  • Abschreckung: Kosten einer Aggression gegen Europa steigen auf 500%+
  • Wirtschaftsimpuls: +200 Mrd. € BIP-Wachstum durch Multiplikator-Effekt
  • 100.000+ Arbeitsplätze in Metallindustrie, Elektronik, Logistik
  • Technologie-Spillover: Drohnen, Batterien, Satelliten für zivile Nutzung
  • Strategische Entscheidungsfreiheit ohne US-Genehmigung

Risiken

  • Haushaltsdruck: +300 Mrd. € in 10 Jahren – Verteilungskonflikte
  • Politische Fragmentierung: 27 Nationen, unterschiedliche Prioritäten
  • Rohstoff-Abhängigkeit: China kontrolliert 60%+ kritischer Materialien
  • Eskalationsrisiko: Rüstungswettläufe mit Russland/China möglich
  • Gesellschaftliche Akzeptanz: Pazifistische Bewegungen, ethische Fragen

Die technologischen und finanziellen Hürden sind überwindbar. Die eigentliche Frage ist eine andere.

Die Kernfrage

Der eigentliche
Showstopper.

Europas Problem ist nicht das Geld. Nicht die Technologie. Nicht die Industrie.

Der eigentliche Engpass ist politischer Natur: der oft „fehlende politische Wille" ist keine Variable unter vielen – sondern der Multiplikator, der über Erfolg oder Scheitern entscheidet.

Die gute Nachricht: Der externe Druck führt zu einer neuen Form des Pragmatismus. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie schnell Europa handelt.

„Verteidigungssouveränität ist kein technologisches oder finanzielles Problem – sondern eine Frage der politischen Entschlossenheit zur gemeinsamen Kraftanstrengung."

Europa kann seine Sicherheit selbst garantieren.
Wenn es sich dafür entscheidet.

Dieses Gedankenexperiment zeigt: Die Grundlagen sind da. Die Industrie skaliert. Die Projekte laufen. Was fehlt, ist der politische Wille zur konsequenten Umsetzung.

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